Rundbrief Januar 2021

Wider den Gehorsam

– zu einem aktuellen Dilemma der Gegenwart

Die gegenwärtigen Welt- und Zeitgeschehnisse werfen das Phänomen „Gehorsam“ mit gewaltigem Schwung in das Bewusstsein der Völkergemeinschaft. Kaum sind die Hilferufe des in die Ambivalenz von Gehorsam und Ungehorsam geratenen Zauberlehrlings verhallt, da twittern die paranoiden Lügenbotschaften und Gehorsamsappelle eines egoman-solipsistischen Politikers durch den Äther. „Wer lügt, betrügt und ungehorsam ist, kommt an den Galgen“, so lautete einmal eine neurotisierende erzieherische Parole. Der Galgen heute: das sind die Medienplattformen jeglicher Herkunft und Profilierungssucht. Gehorsam hat noch immer keinen guten Klang im Lebensgefühl der meisten Menschen. Warum ist das so? 

Eine Antwort gibt der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen in seinem Buch „Wider den Gehorsam“. Er greift darin das seelische Spannungsfeld auf, dem wir uns im Hinblick auf Gehorsam und Loyalität einerseits und Bescheidenheit und Verzicht andererseits ausgesetzt sehen. Er schreibt: „Gehorsam ist die Unterwerfung unter den Willen eines anderen. Dieser Andere übt Macht über den Unterworfenen aus. Bereits in frühester Kindheit beginnt diese Unterwerfung, lange bevor Sprache und Denken sich ordnen, so dass der Gehorsame später seine Unterwerfung während der Kindheit nicht wahrnimmt und sie erduldet, ohne sich dessen bewusst zu sein.“      

Permanente durch rigiden Gehorsam erzwungene Pflichterfüllung lässt das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen verkümmern. Mit dem Gehorsam bleiben auch unsere eigenen Gefühle und Wahrnehmungen auf der Strecke, weil das Diktat des Anderen gilt. „Kinder, deren Willen auf diese Weise gebrochen wurde, entwickeln einen verhängnisvollen Gehorsam gegenüber Autoritäten.“ (Arno Gruen) So entsteht schließlich ein „Kadavergehorsam“ – ursprünglich jesuitisch abgeleitet, wie eine Leiche, die alles mit sich geschehen lässt. 

Leben aber ist Ausdruck von Zuwendung, Geborgenheit und empathischer Wahrnehmung. Diese legen das Fundament für die Identität der Heranwachsenden. Fehlende Autonomie hingegen nachzuerlernen, ist ein äußerst langwieriges seelisches Ringen mit sich selbst und den Mitmenschen. Der Missbrauch des Gehorsams entwürdigt den Anderen. Er erstarrt zu blindem Erdulden. Seine Symptome lassen ihn als minderwertig, unmündig und als konfliktunfähig erscheinen.   

Doch dem strafenden Blick des Gehorsams steht auch ein milder und wohlwollender Wesenszug gegenüber. Wir können ihn als die ethische Dimension des Gehorsams bezeichnen. Wir nennen ihn einen sozialen Gehorsam, der von tiefem Interesse an wirklichem  Menschsein getragen ist. Es ist das Zurücknehmen eigener Bedürfnisse aus Einsicht. Er setzt allerdings einen souveränen Umgang mit den eigenen Gefühlen und eine sittliche Mündigkeit voraus. In der gegenwärtigen pandemischen Zeit erweist es sich besonders, wie sehr Einsicht und Verzicht die bisherige Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen geprägt haben. Die verwöhnte und wenig hingebungsvolle Gesellschaft erträgt es nicht, sich der „Tyrannei des Staates in einer Krise“ zu unterwerfen. Wer Verzichten als Bestrafung erlebt, beginnt zu protestieren und in die Aggression zu stürmen. Im Aufbäumen gegen diesen Gehorsam blitzt ein Hass auf, der im Gegröle der Fanatiker widerhallt. Der soziale Gehorsam aber ist gelebtes Mitgefühl mit jenen, die sich nur schwer aus dem Schatten einer drückenden Lebensenge herausretten können. Es ist ein Dienst am Mitmenschlichen. Als Abraham nach innerem Ringen seelisch bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern, wurde seine Selbstüberwindung belohnt und ihm das Leben seines Sohnes erneut geschenkt. 

Wider den Gehorsam zu sein, ist nur dort lebenswichtig, wo unsere Persönlichkeit in eine seelische Krise zu geraten droht. Wo aber Einsicht und Bescheidenheit zu Lebensmaximen geworden sind, bedeutet Gehorsam das Tor zu menschlicher Würde und Toleranz.   

Zitat aus unseren Seminarinhalten:

„Ohne inneren Gehorsam übt die Leidenschaft Macht über die Seele aus.“ (Josef Pieper) 

Weitere Rundbriefe

Die Stille im Denken

Neun Monate ist es inzwischen her, dass Baldur Kirchner, der Begründer unseres Instituts, verstorben ist. Neun Monate, in denen wir ...

Traurige Nachricht

Leider müssen wir Ihnen heute die traurige Nachricht überbringen, dass Baldur Kirchner am 17. April im Alter von 83 Jahren ...

Verschmutzung im Wesensinneren

In einem Interview über das seelische Verletztsein eines Volkes zeichnet der Philosoph Peter Sloterdijk ein knappes Psychogramm dieses Traumas. Er ...

alle Rundbriefe

Kontaktieren Sie uns

Wir helfen gerne weiter

Sandra Dombrowski

Sandra Dombrowski

Leiterin Seminarorganisation

info@kirchner-seminare.de

0821 - 99 88 30 85

Wir sind Montag bis Donnerstag von 8:30 bis 17:00 Uhr für Sie da.

Standort

Kirchner-Seminare GbR

Zeugplatz 7

86150 Augsburg

Ihre Nachricht an uns