Rundbrief Januar 2022

Düstere Zeiten?

Auf La Palma ist ein Phänomen sichtbar geworden, das die Bewohner zunächst nicht in ihre schmerzerfüllte und traurige Realität einordnen konnten. Der Natur  

ist es gelungen, dem geschundenen Menschen die Hand zu reichen. Viele haben es wie ein Wunder erlebt: Die von der Vulkanasche abgenagten Bäume beginnen sanft zu grünen. Sie geben ihren schaurigen Astskeletten eine neue Kontur. Es scheint, als seien wir selbst in der Tragik materieller und seelischer Hilflosigkeit von den Kräften des Lebens nicht getrennt. 

In den Wirren der Abreise amerikanischer Familien aus Kabul blieb ein fünfmonatiger Säugling zunächst unbemerkt am Straßenrand liegen. In Amerika angekommen, versuchten die Eltern, den Verbleib ihres Kleinkindes ausfindig zu machen – vergeblich. Erst ein afghanischer Taxifahrer entdeckte das weinende Kleinkind, nahm es zu sich und „vergrößerte“, wie er der Presse mitteilte, geradezu selbstverständlich seine Familie aus Liebe zum Leben. Aus der Anonymität tritt plötzlich das Lebensrettende hervor, das mit seiner ungeahnten Kreativität zur Entfaltung drängt. 

Wie düster und gar verdunkelt wir bestimmte Lebensphasen durchschreiten, liegt auch in der Beschaffenheit unseres Inneren verborgen. Kritisch ermahnt uns daher der indische Philosoph Krishnamurti mit folgenden Worten: „Kein Staatsmann, kein Lehrer, kein Guru; niemand kann Sie innerlich erstarken, im weitesten Sinne gesunden lassen. Solange Sie in Unordnung sind, solange Sie Ihr Haus (der Persönlichkeit) nicht in rechtem Zustand halten, werden Sie sich immer einen äußeren Propheten erschaffen, und er wird Sie immer in die Irre führen. Ihr Haus ist in Unordnung, und niemand im Himmel oder auf Erden kann Ordnung in Ihr Haus bringen. Wenn nicht Sie selber das Wesen der Unordnung, des Konflikts, das Wesen der Teilung begreifen, wird Ihr Haus, das Sie selber sind, immer in Unordnung, im Kriegszustand bleiben.“ (Quelle: „Selbstgespräche“)

Ist es nicht eine unserer Lebensaufgaben, die Düsterheit, die unseren Blick aus Angst zerstückelt, in ihre Dunkelkammer zu verweisen, damit sie dort sich selbst regiere? Weltweit jedoch erleben wir gegenwärtig eine Eintrübung unseres kollektiven Lebensgefühls, das unsere Handlungsimpulse lähmt und erstickt. Es sind in mehrfacher Hinsicht „extrem dunkle Zeiten“, wie es der Philosoph Markus Gabriel kürzlich ausgedrückt hat. Er befürchtet, dass „ohne moralischen Fortschritt die Selbstausrottung der Menschheit drohe“. Wer aber soll moralischen Fortschritt gebären, wenn sich in ihm Sanftmut und Radikalität paaren? Wenn die Masse der vermeintlichen „Spaziergänger“ ihr plagiiertes Halbwissen in die zerschlagenen Schaufensterscheiben skandiert? So manchem Zeitgenossen fällt es schwer, in all diesem Konflikttreiben noch etwas Fürsorgliches und Verantwortungsvolles zu erblicken. Eher scheint sich besonders eine Erkenntnis der Dialektik zu bewahrheiten, dass mit emotionalisierten Gruppen kein seriöses Gespräch möglich ist!

Ihr fanatisches Gebaren hat sie blind gemacht. Permanente Behauptungen, oftmals im Gewand der Lüge, ersticken den Dialog, weil sie unversöhnliche Meinungsfronten schaffen. „Die Massen sind etwas degradiert Menschliches; sie sind ein degradierter Zustand des Menschlichen…Eine Erziehung der Massen ist nicht möglich…Nur der Einzelmensch, die Person ist erziehbar…Es gilt, uns diesem Zustand der Erniedrigung oder Selbstentfremdung zu entziehen.“ Dies ist heute dringend notwendig, weil die Massen ihrem Wesen nach fanatisierbar sind. (Gedanken von Gabriel Marcel in „Die Erniedrigung des Menschen“)

Vor allem sind jene Zeiten düster, in denen der Einzelne sein Wissen kultiviert, es ihm aber an Einsicht mangelt. Ohne die Bereitschaft zur Einsicht allerdings ist keine wirkliche psychische Entwicklung möglich. Erst die Einsicht, das Hineinschauen in unsere persönliche Innenwelt, offenbart uns, wie geborgen wir in der Seelentiefe wohnen. Darauf kann unsere Intellektualität keine zuverlässige Antwort geben. Denn sie ist selbst dem Regulativen unterworfen, von dem sie ihre Gültigkeit empfängt.

Das Düstere in der Welt- und Lebensbetrachtung erwächst dem Einzelnen aus einem kranken Bewusstsein. Vom Depressiven erniedrigt, vom Fanatischen umzingelt und in die Empathieleere geworfen zu sein, entwürdigt unseren Seelengrund. Wo jedoch der Selbstwert einen Menschen trägt, wird das Dunkle nur als vorüberwehender Schleier wahrgenommen, hinter dem sich das unauslöschlich Lichtvolle verbirgt.

Zitat aus den Seminaren zur Wesenstiefe:

„Nur die lichterfüllte Seele vermag der Mitwelt ein sicheres Geleit zu bieten.“ (Augustinus)

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