„Dauer-Upgrade“ scheint ein treffendes Bild für unsere Zeit. Bugs, Patches, Updates – die Logik der Softwareindustrie hat sich still in unser Selbstverständnis eingeschlichen. Apps und Anwendungen sind nie fertig, sondern entweder „Up to date“ oder eben „veraltet“. So mancher begreift sich und sein Leben als ein System, das permanent ein Upgrade erfahren muss. Neue Skills, neue Tools, das „New You“. Und in der freundlichen Frage: „Wie geht‘s Dir?“ schwingt unmerklich mit „Woran arbeitest Du gerade an Dir?“.
Dauer-Upgrade und stete Selbstoptimierung lassen sich verstehen als eine Form der Angstbewältigung. Angstbewältigung in einer Zeit, die vom Verlust vieler Selbstverständlichkeiten geprägt ist: Sichere Lebensbedingungen, kontinuierliches Wirtschaftswachstum, eine stabile Demokratie in Europa, die USA als verlässlicher Bündnispartner. Die Welt der Gegenwart ist unsicher und krisenhaft. So versuchen wir, wenigstens uns möglichst zukunftssicher zu machen. Upgrade heißt: Ich will nicht abgehängt werden, ich will nicht ersetzbar sein, ich will vorbereitet sein auf das, was kommt. Selbst wenn wir nicht wissen, was kommt.
Dauer-Upgrade ist ein Versuch, unsere Angst in Aktivität zu verwandeln und Ohnmacht in Optimierung. Statt Unsicherheit zu fühlen, verbessern wir. Zu einem hohen Preis. Je mehr wir an dem inneren und äußeren System schrauben, desto weniger kommen wir irgendwo an. Dauer-Upgrade stärkt genau jenes Gefühl, von dem wir uns versuchen zu befreien. Nämlich die Sorge, nie genug zu sein. Wenn alles zum Upgrade wird, gibt es keinen Zustand mehr, in dem es reicht. Wir sind nie gut genug ausgebildet, nie gut genug bezahlt, nie gut genug unterhalten. Mit Bio-Hacking und Longevity wird Gesundheit zu einem weiteren Baustein des Optimierungsprojekts, nie reicht es. „Investiere in deine Performance“ ist das Gebot der Zeit.
In einer Berufswelt, in der Transformation zum Dauerzustand wurde, passt das hervorragend. Und wer sich und sein Leben als Projekt begrifft, der fragt: „Wie mache ich das besser?“. Mitunter zu kurz kommt die eigentliche Frage: „Warum mache ich das überhaupt?“. Wer stets am nächsten Schritt arbeitet, hat wenig Zeit, grundsätzlich zu zweifeln. Das ist vielleicht der gefährlichste Moment am Dauer-Upgrade: Es hält uns in Bewegung, aber nicht unbedingt in die Richtung, in die wir wirklich wollen.
Ein möglicher Gegenentwurf besteht im unspektakulären, fast antiquierten Begriff der Pflege. Pflege bedeutet, etwas zu erhalten und etwas zu hegen. Bezogen auf uns als Person kann das bedeuten: die Pflege von Beziehungen statt das Optimieren des Netzwerks, die Pflege des Körpers statt das Training der Leistungsfähigkeit, die Pflege der inneren Welt statt „Mental Performance“. Nicht alles, was lebt, muss ein Upgrade erfahren. Vieles braucht Kontinuität und Rhythmus. Eine Pause im Upgrade ist kein Skandal, sondern Selbstfürsorge.
Von hier aus öffnet sich der Blick für den Begriff der „Selbstwerdung“ von Karl Jaspers (1883-1969). Der Arzt und Philosoph lehrte lang in Heidelberg und Basel und ist ein bedeutender Vertreter der Existenzphilosophie. Statt uns als Projekt in Endlosschleife zu begreifen, versteht Jaspers den Menschen als Möglichkeit: Als jemand, der nie fertig ist, aber eben auch nicht permanent verbessert werden muss. „Das Selbst ist nicht, es ist im Werden.“ Selbstwerdung heißt Mensch werden und eine Position zu sich selbst, zu anderen und zu der Welt zu beziehen. Selbstwerdung fragt: „Wer will ich in dieser Welt sein? Stimmt mein Tun mit diesem inneren Bild überein?“
Gerade in Grenzsituationen, so Jaspers, wie dem Scheitern und dem Tod, dem Leid und der Krise, in Situationen also, in denen unsere Routinen zusammenbrechen, wenden wir uns unserer Existenz zu. Grenzen zu erfahren ist also kein Makel, sondern ein Ort, die Persönlichkeit zu vertiefen. Wer sich selbst allerdings nur als Ressource begreift, wird sich und andere auch so behandeln.
Vielleicht liegt hier der entscheidende Schritt: Raus aus dem Dauer-Upgrade der Selbstoptimierung und der verzweifelten Suche nach Selbstverwirklichung hin zu uns selbst. Weg vom Zwang, eine bessere Version von uns zu werden. Ziele bleiben wichtig, aber es braucht die leise und kraftvolle Frage: „Wozu trägt mein Handeln in meinem Leben, in meinem Unternehmen, in dieser Welt bei?“ Weg vom Zwang sich zu verbessern, hin zum ernsthaften Dialog mit der eigenen Existenz. Wer diesen Weg geht, führt nicht nur anders und andere, sondern zuerst sich selbst. Und das könnte jene Art von Führung sein, die eine gestresste Welt heute baucht.

